Ein Gespräch mit dem ehrenamtlichen Prüfer im Büro für Leichte Sprache der Lebenshilfe Würzburg Mario Stabel über Barrieren, Menschenrechte und die Bedeutung verständlicher Sprache.
Inhaltsverzeichnis
Kurz erklärt: Leichte Sprache
Verständliche Form des Deutschen nach festem Regelwerk
Verankert im Behindertengleichstellungsgesetz (BGG) sowie im Barrierefreiheitsstärkungsgesetz (BFSG)
Ziel: gleiche Chancen auf Information und Teilhabe für alle
Wird in Behörden, Kultur, Bildung und Unternehmen zunehmend eingesetzt
„Wenn ich einen Brief vom Amt bekomme, verstehe ich ihn oft nicht. Dann muss ich jemanden um Hilfe bitten – und das fühlt sich nicht gut an“, erzählt Mario Stabel.
Der Leichte-Sprache-Experte nutzt selbst Leichte Sprache und setzt sich seit Jahren dafür ein, dass sie in allen Lebensbereichen selbstverständlich wird. Für ihn geht es nicht nur ums Verstehen, sondern um Selbstbestimmung und Gleichberechtigung.
Was ist Leichte Sprache eigentlich?
Leichte Sprache ist eine besonders verständliche Form des Deutschen. Sie folgt festen Regeln, um Informationen zugänglich zu machen.
Die wichtigsten Regeln der Leichten Sprache:
Kurze, einfache Sätze
Einfache, bekannte Wörter
Keine Fremdwörter oder Abkürzungen
Schwierige Begriffe werden erklärt
Wichtige Informationen stehen am Anfang
Bilder und Symbole unterstützen das Verständnis
Ein Beispiel der Leichten Sprache:
Leichte Sprache folgt einem festen Regelwerk, dessen Aussagen zum Beispiel sind, dass kurze Sätze und einfache Wörter für die Leichte Sprache als ausschlaggebend gewertet werden.
Dieser Satz würde in leichter Sprache wie folgt aussehen:
Leichte Sprache hat Regeln. Man muss sich an die Regeln halten. Die Sätze sind kurz. Die Wörter sind einfach.
Normale Sprache und Leichte Sprache im Vergleich
Standardsprache
Leichte Sprache
Die Antragstellung erfolgt nach Prüfung der eingereichten Unterlagen.
Wir prüfen Ihre Unterlagen. Dann entscheiden wir über Ihren Antrag.
Bitte beachten Sie die beigefügten Informationen zur Fristwahrung.
Bitte beachten Sie die Frist. Die Frist steht im Brief.
Die Auszahlung erfolgt auf Ihr angegebenes Konto.
Wir überweisen das Geld auf Ihr Konto.
Leichte Sprache wird für Menschen mit Lernschwierigkeiten entwickelt, hilft aber auch älteren Menschen, Kindern, Deutschlernenden und allen, die einfache und schnelle Informationen wertschätzen.
Für Mario Stabel bedeutet Leichte Sprache vor allem eines: gleiche Zugänge zu Wissen.
Leichte, einfache und barrierefreie Sprache: Was ist der Unterschied?
Einfache Sprache kann im Gegensatz zu Leichter Sprache etwas längere Wörter und Sätze enthalten. Sie hat ebenfalls ihr eigenes Regelwerk und befindet sich zwischen Leichter Sprache und Standardsprache. Barrierefreie Sprache ist ein übergeordneter Begriff und meint alle Formen von zugänglicher Sprache.
Mario Stabel betont, wie wichtig es ist, den Unterschied zwischen Leichter und Einfacher Sprache zu kennen. Schon kleinere Verschiebungen in Wort- und Satzlängen können dazu führen, dass der Text schwieriger zu verstehen ist. Das schafft Barrieren.
Wichtig ist also das möglichst genaue Einhalten der Regeln der Leichten Sprache, um niemanden in seiner Eigenständigkeit zu behindern.
Wo finden wir Leichte Sprache im Alltag?
Zurecht beschwert sich der Prüfer für Leichte Sprache Mario Stabel darüber, dass wenn weder in der Politik, der Presse oder in öffentlichen Ämtern Leichte Sprache so zur Verfügung gestellt wird, dass auch er ungehindert Zugang zu allen Informationen hat. Auch wenn Leichte Sprache immer mehr in den Fokus rückt und die Nachfrage danach lauter wird, reicht ihre Verbreitung bei Weitem noch nicht aus.
Wahlprogramme, Verträge, Bankautomaten, Arztpraxen, Krankenhäuser und sämtliche Unternehmen – überall ist die Entnahme von Informationen nur schwer oder gar nicht möglich, wenn keine Version der Texte in Form von Leichter Sprache angeboten wird. Zusätzlich sind Orte der Kultur wie Museen betroffen, die auch mit Leichter Sprache eine Verständnisbarriere abbauen sollten.
Start-ups wie das Würzburger Unternehmen KLAO kombinieren Künstliche Intelligenz mit menschlicher Prüfung. Menschliche Prüfung bedeutet hier, dass die Ergebnisse der KI von Experten, in diesem Fall Menschen mit einer Lernschwierigkeit, überprüft werden.
So können öffentliche Einrichtungen Texte schneller und effizienter in Leichte Sprache übertragen – und dabei sicherstellen, dass sie den DIN-Regeln entsprechen.
Damit wird Leichte Sprache auch für kleinere Organisationen umsetzbar, die bisher nicht die Ressourcen für klassische Übersetzungen hatten.
Warum ist die Leichte Sprache besonders in Behörden wichtig?
Man stelle sich vor, man erhält ein wichtiges Schreiben von der Bank. Man öffnet es und stellt fest: Es ist nicht in Leichter Sprache verfasst und die Inhalte sind somit nicht selbstständig erfassbar. Also muss man sich an eine andere Person wenden und ihr persönliche Daten präsentieren, um zu erfahren, was in dem Schreiben steht. Zusätzlich muss man hoffen, die Person interpretiert das Schreiben richtig und gibt alle Inhalte wahrheitsgemäß weiter.
Wie deutlich wird, muss sich die Person die Leichte Sprache nutzt unfreiwillig in Abhängigkeit von einer anderen begeben, um vielleicht lebensverändernde Informationen zu erhalten. Der Datenschutz ist hier auf jeden Fall nicht gegeben.
Auch Herr Stabel bestätigt, dass man so völlig darauf vertrauen muss, dass andere einen unterstützen und die Informationen richtig weitergeben. Die Möglichkeit, seine Angelegenheiten selbst zu lösen, gibt es nicht.
Ganze 92,8 % der öffentlichen Einrichtungen bieten keine Leichte Sprache oder Einfache Sprache an, trotz Verpflichtung. Denn die Leichte Sprache ist mehr als ein Kommunikationswerkzeug – sie ist ein Menschenrecht und im Behindertengleichstellungsgesetz (BGG) sowie im Barrierefreiheitsstärkungsgesetz (BFSG) festgelegt.
Laut dem müssen Behörden wichtige Informationen auch in Leichter Sprache anbieten. Vor Ärzten und weiteren Einrichtungen darf dieses Gesetz nicht haltmachen.
Konkrete Regeln der Leichten Sprache: Was Sie beachten sollten
Leichte Sprache ist kein freier Schreibstil. Sie folgt klaren Vorgaben, die unter anderem in der DIN SPEC 33429 beschrieben sind. Wer Leichte Sprache einsetzen möchte, sollte diese Regeln kennen und anwenden.
Wichtige Grundprinzipien der Leichten Sprache sind:
Pro Satz nur eine Information. Keine Nebensätze.
Keine Passivkonstruktionen. Statt “Der Antrag wird geprüft” besser “Wir prüfen den Antrag.”
Keine Fachbegriffe. Wenn sie notwendig sind, werden sie sofort erklärt.
Zahlen, Daten und Fristen klar und eindeutig formulieren.
Klare Struktur mit Zwischenüberschriften und ausreichend Abstand zwischen Absätzen.
Verständlichkeit wird durch eine Prüfung abgesichert, durch Menschen aus der Zielgruppe und zertifizierte Übersetzer*innen.
Fazit – Warum brauchen wir nun also Leichte Sprache?
Leichte Sprache hilft nicht nur Menschen mit einer Lernbeeinträchtigung. Sie ist ein Werkzeug zur Inklusion und Teilhabe für alle, die auf klar verständliche Informationen und Kommunikation angewiesen sind. Sie ermöglicht, dass Menschen selbstständig handeln, informiert entscheiden und gleichberechtigt mitreden können.
Nur wer sich an die Regeln der Leichten Sprache hält, schafft Verständlichkeit, Gerechtigkeit und Unabhängigkeit. Deshalb muss Leichte Sprache bekannter werden und überall da, wo sie noch nicht angekommen ist, muss man sich darüber informieren.
Auch unser Experte Mario Stabel wünscht sich, dass Leichte Sprache sichtbarer wird:
„Leichte Sprache ist kein Extra, sondern ein Menschenrecht. Jede Gruppe muss in der Gesellschaft mitgedacht werden.“
Copyright: Lebenshilfe Würzburg
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